Von Inga Höltmann

New Work: Prozesse hybridfähig machen

Neue Arbeit ist vor allem eines: Eine Veränderung der Zusammenarbeit – und zwar in der Hinsicht, dass sie flexibler wird. Flexibler, was zum Beispiel die Orte oder die Zeiten angehen. 

Aber New Work ist dabei etwas nicht: Chaotisch. Mir fällt immer wieder auf, dass Menschen neue Arbeitsformen wie Agilität mit Chaos assoziieren. Weil die Menschen selbstorganisiert arbeiten, heißt das aber nicht, dass sie ohne Struktur arbeiten. Im Gegenteil: Meiner Meinung nach ist Neue Arbeit sogar in höchstem Maße strukturiert und prozessorientiert – nur eben anders, als wir das von unserer „Old Work“ kennen. 

Was braucht Neue Arbeit wirklich?

Neue Arbeit ist in ihrer Selbstorganisation, in ihrer starken Werteleitung eine Zusammenarbeit anderer Ordnung, als wir das bisher gewöhnt sind. Und das muss gestaltet werden in den Organisationen: Neue Arbeit braucht neue Strukturen, neue Prozesse und neue Absprachen. 

Doch wenn wir es versäumen, diese neue Ordnungsarbeit zu erledigen, dann droht uns tatsächlich Chaos. Das haben wir das besonders schmerzlich in den vergangenen Pandemie-Jahren erlebt: Laptops und eine Cloud machen eben noch kein funktionierendes Remote Team. 

Was braucht es für ein remotes oder hybrides Team?

Ganz sicher eine Menge: Gute Führung, Teambuilding, Kommunikation und so weiter – vor allem aber eines: Gute Prozesse. Und einer ist der schlechtesten aller möglichen Prozesse: Mal eben über den Schreibtisch fragen. 

Aber das ist auch einer der liebsten Prozesse in deutschen Unternehmen, tagtäglich hundert-, tausendfach angewandt in den Büros landauf, landab. Und so beliebt er ist – er ist doch nur nützlich in ganz genau einem Setting: Wenn wir alle brav (und zeitgleich!) an den immer selben Schreibtischen sitzen. 

Somit spiegelt das Über-den-Schreibtisch-fragen eine Arbeitswelt wider, die es in dieser Form gar nicht mehr gibt. Diese Art von Prozessen ist der Grund, dass Dinge remote nicht klappen, dass wir uns einsam fühlen im Home-Office und abgehängt oder dass wir – im Gegenteil! – in Meetings und Kommunikation ersaufen, weil wir so große Abstimmungsbedarfe haben. Das sind nämlich Prozesse, die nur in ganz bestimmten Kontexten funktionieren und die eher Aufwand erzeugen, als dass sie uns abnehmen. 

Doch bei genauerer Betrachtung fällt auf: Das Über-den-Schreibtisch-fragen ist ja gar kein Prozess! Vielmehr zeigt es genau das Fehlen eines Prozesses an: Wo es keine Prozessbeschreibungen, kein Handbuch, keine aktuellen Organigramme gibt, müssen wir auf die Sitznachbar:innen zurückgreifen und deren Wissen anzapfen. Und das ist nicht nur unglaublich nervig und stört unsere Produktivität, sondern führt auch dazu, dass unzählige verschiedene Versionen und Wissensstände durchs Unternehmen wabern – jede:r gibt halt die Antwort, die er:sie kennt. 

Wenn wir also einsam im Home-Office sitzen und auf Antworten oder Zulieferungen warten müssen, dann zeigt das nicht an, dass hybride Arbeit nun einmal einfach nicht funktionieren kann, sondern ist vielmehr ein Marker, dass wir wichtige Hausaufgaben noch nicht gemacht haben. 

Gibt es also so etwas wie spezifisch hybride Prozesse?

Vielleicht. Vor allem aber brauchen wir überhaupt erst einmal Prozesse – nur dann können wir uns überhaupt sinnvoll hybrid aufstellen. 

Übrigens brauchten wir die Prozesse auch schon, als wir noch alle im Büro saßen und das Über-den-Schreibtisch-fragen als Beziehungsarbeit missverstanden. Denn über den Schreibtisch zu fragen, ist kein Prozess – sondern eine Krücke. Jetzt ist es Zeit, uns funktionierende Strukturen und Prozesse zu geben: Eine der wichtigsten Aufgaben für Unternehmen, wenn es um Neue Arbeit geht! 

Über die Autorin

Inga Höltmann Credit Axel Kuhlmann Quadrat
Inga Höltmann | Foto: Axel Kuhlmann

Inga Höltmann ist Expertin für die Themen Kulturwandel in Unternehmen, New Work und Digital Leadership. Sie ist Macherin der New Work Community Accelerate Academy, in der sie Menschen und Unternehmen in Transformationsprojekten begleitet, und Autorin des New Work Briefings. Sie tritt auch als Keynote-Speakerin auf und ist zudem ausgebildete Wirtschaftsjournalistin, bekannt ist sie unter anderem für ihre Podcasts zur Zukunft der Arbeit. Kontakt: LinkedIn.

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